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Datum News
24.03.2015 Kantorei singt den Leidensweg Jesu
Von Renate Schmoll

Hagen-Mitte. Kirchenmusikfans freuten sich am Sonntagnachmittag in der Johanniskirche über die Hagener Erstaufführung der Brockes-Passion „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus" von Gottfried Heinrich Stölzel.

Der Zeitgenosse Bachs behandelte die Leidensgeschichte Jesu ähnlich mit Rezitativen, solistisch begleiteten Arien und Chorsätzen. Die Johanniskantorei unter der Leitung von KMD Manfred Kamp hatte allerdings hier nicht annähernd so viel zu tun wie in den Passionen des Thomaskantors. Choräle als Gemeindekommentar zeigten den Chor klanglich ausgewogen und textorientierte Akzente setzend. Erregte Einwürfe schilderten das aufgewühlte Volk, verhöhnten den „Judenkönig" und heulten „.. .lass ihn kreuzigen". Das „Wohin, wohin" auf dem Weg nach Golgatha entsprach dem Zitat aus der Johannespassion.
Im Chor der „Gläubigen Seelen" brach nach dem Tod Jesu großes Entsetzen aus, das aber bei der Wiederholung des Jesuswortes „Es ist vollbracht" in ruhige Glaubensgewissheit mündete. Der Brockes-Text, zu seiner Zeit hochbegehrt und von diversen Zeitgenossen zu Passionen verarbeitet, strotzte von abschreckenden Bildern wie ,,...der Laster Eiterbeulen, Bärentatzen, Löwenklauen, zischendes Geblüt".

Herzergreifende Arie der Maria
Bei der packenden Darstellung der hervorragenden Solisten vergaß man diese heute lächerlich wirkende Sprache. Florian Cramer füllte seine Rolle als in Versen die Leidensgeschichte Jesu erzählender Evangelist mit schlankem, flexiblem Tenor aus, erregte Passagen in schnellem Tempo, Klagendes in langen, durch Lautstärke-veränderungen oder kleinen Melismen betonten Noten. Matthias Gerchens Bass stellte Jesus ruhevoll-majestätisch, manchmal fast weltabgewandt, laut klagend dar.
Stephan Boving als Petrus führte zuerst das „große Wort" und flehte dann nach seinem Verrat in einer langen Koloratur um Rettung. Martin Wölfel (Altus) gab den Judas mit hämischer Freundlichkeit. Manfred Bittner (Bass) fand als Kaiphas und Pilatus barsche Töne. Eine große Rolle spielte Anna Kellnhofers leuchtender Sopran als „Tochter Zion", allegorisch Jerusalem verkörpernd. Wölfel, Boving und Bittner lösten sie in dieser Darstellung manchmal ab.
Herzergreifend war die Arie der Maria mit dem hochaufsteigenden Schrei des Entsetzens „Ach Gott! Ach Gott! Mein Sohn wird fortgeschleppt." Das Orchester (zwei Barockoboen und -Fagott, Barockcello und Viola da Gamba, zwei Geigen, zwei Bratschen, Kontrabass und Orgel) kommentierte Chor und Solisten in farbigen Sätzen.
Tonmalerisch hörte man in einem Rezitativ des Evangelisten „das bange Herz" in der Begleitung in gleichmäßig abgesetzten Noten klopfen. Geigen und Blockflöte (nur solistisch eingesetzt) umspielten tröstlich die Sopran-Arie „Brich, mein Herz"; spitze Einzeltöne stachen wie die Dornenkrone. Nach dem Schluss-Choral blieb es lange still in der Kirche, bis das Publikum in begeisterten Beifall ausbrach.

Westfalenpost Hagen, 24.03.2015