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Datum News
06.05.2015 Spannende Entführung in das geheimnisvolle Reich des Frühbarock
Von Renate Schmoll
Hagen-Mitte. In der Johanniskirche gab es am Sonntag Kammermusik. „Musica dulce laborum levamen" - Musik ist die süße Milderung der Not - lautete das Motto des Ensembles „Complesso Col Legno" mit Claudius Kamp, Blockflöten und Barockfagott, und Johannes Rake, Cembalo und Orgelpositiv. Der junge Bläser entführte die Zuhörer quasi als „Seelenfänger von Hagen" in das geheimnisvolle Reich des Frühbarock; sein Begleiter unterstützte ihn mit silbrigen Akkorden und zahlreichen glitzernden Arpeggien. Er stieg mit einem kurzen brillanten Vorspiel ein in die „Sonata prima per soprano solo e continuo di Sonata concertante in stilo moderno" von Därio Castello (ca. 1600-1658).

Kontrastreiche Dynamik
Fasziniert lauschte man den weichen, auch lange Noten durch minimale Lautstärkeveränderung flexibel gestaltenden Klängen der Flöte mit kontrastreicher Dynamik. Elegantes Laufwerk, so schnell, dass man kaum die Fingerbewegungen verfolgen konnte, kecke kurze Hüpfer, gebundene Passagen mit behutsam betonten Akzenten und vielen Verzierungen, schier unmerkliches Atemholen: Ein Wunder, nicht zu vergleichen mit den schrägen Tönen auf dem „Notholz" unserer Kindertage. Im Verhältnis zu temperamentvollen italienischen Meistern wie Pandolfo Mealli (1624-1687) und Giovanni Battista Fontana (ca. 1571¬1630) sang die Flöte im Solo-Stück „Amarilli mia bella" des zu seiner Zeit berühmten Niederländers Jacob van Eijck (ca. 1590-1657) anfangs in gemäßigtem Tempo ein sanftes (Liebes?-) Lied, das sich in Variationen in kleine schnelle Notenwerte auflöste, brillantes Laufwerk durch luftige Sprünge unterbrechend. Die „Sonata VI per basso solo e basso continuo" von Luigi Merci (ca. 1695-1743) stellte das Barockfagott vor: für die Besucher ein Aha-Erlebnis, kennt man dieses lange Rohr eigentlich doch nur als Begleitinstrument in Orchestern. Auch hier waren die Töne samtweich bis in die tiefe Lage der zahlreichen Dreiklangsmotive; zu einem schwermütigen Mittelsatz bildete der flotte Schluss einen aparten Gegensatz. Heinrich Isaak (1450/55-1517) bediente mit seinem bekannten Lied „Innsbruck, ich muss dich lassen" den beliebten „Wiedererkennungswert". Hier stellte das Orgelpositiv zuerst das Thema vor, das von der Flöte dann in vielen Variationen umspielt wurde. Mit zwei Tokkaten von Girolamo Frescobaldi (1583-1643) profilierte sich Rake als brillanter Solist am Cembalo und an der großen Orgel; hier nutzte er geschickt den Farbenreichtum der Register zu Betonung der Kontraste: Flötiges bei liedhaften Themen, auch der Tremulant wurde eingesetzt, strahlendes Plenum zum Schluss.

Lieblicher Pastoralrhythmus
Das Lied „Bid me to live" von Henry Lawes (ca. 1595-1662) im lieblichen Pastoral-Rhythmus vereinte die beiden Musiker wieder im Altarraum. Die Zugabe stellte den Zuhörern die Frage: Wer hat gut aufgepasst? „Wir wiederholen ein Stück aus der Fagott-Sonate, verraten aber nicht, welches." Wer auf den 1. Satz getippt hatte, ging nicht nur erfrischt von technisch wie emotional anregender Musik nach Hause, sondern auch mit dem erfreulichen Gefühl, ein besonders gutes Gehör zu haben.

Westfalenpost, 5. Mai 2015