Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847)
ELIAS
op. 70
- Besetzung
- Chor, Solisten, Orchester
- Dauer ca.
- 150 Minuten
op. 70
Felix Mendelssohn Bartholdy
St. Johanniskirche Lüneburg · Samstag, 3. Oktober 2026, 19:00 Uhr
Programm
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847)
op. 70
Zwischen dem ersten und zweiten Teil gibt es eine 20 minütige Pause.
Werkeinführung
Als Felix Mendelssohn Bartholdy 1846 in Birmingham sein Oratorium Elias dirigierte, wurde das Werk vom Publikum mit einer Begeisterung aufgenommen, die fast religiöse Züge annahm. Zeitgenössische Berichte erzählen von minutenlangen Ovationen, von einer elektrisierten Atmosphäre im Saal und von Zuhörern, die das Gefühl hatten, einer musikalischen Offenbarung beigewohnt zu haben. Tatsächlich gehört Elias bis heute zu jenen seltenen Werken, deren Wirkung sich kaum allein aus ihrer kompositorischen Meisterschaft erklären lässt. Dieses Oratorium besitzt eine unmittelbare dramatische Wucht, die das Publikum nicht bloß beeindruckt, sondern existentiell hineinzieht.
Im Zentrum steht die alttestamentliche Gestalt des Propheten Elias – eine der widersprüchlichsten und faszinierendsten Figuren der Bibel. Elias ist kein milder Verkünder spiritueller Wahrheiten, sondern eine radikale, leidenschaftliche Gestalt: kämpferisch, zornig, zweifelnd, erschöpft und zugleich von unerschütterlichem Glauben getragen. Mendelssohn zeichnet ihn nicht als entrückten Heiligen, sondern als Menschen von beinahe shakespearischer Größe. Gerade darin liegt die Modernität dieses Werkes. Elias erzählt nicht einfach eine biblische Geschichte; das Oratorium untersucht die Bedingungen von Glauben, Macht, Einsamkeit und Hoffnung.
Mendelssohn selbst verstand das Werk ausdrücklich als dramatisches Oratorium. Anders als viele ältere geistliche Kompositionen entwickelt Elias eine fast theatralische Spannung. Die Handlung schreitet mit großer Unmittelbarkeit voran: Dürre, Hunger, Wunder, Volksaufruhr und schließlich die visionäre Gotteserscheinung entfalten sich wie Szenen eines Musikdramas. Dass Mendelssohn dabei nie die Form des konzertanten Oratoriums verlässt, macht die Wirkung umso bemerkenswerter. Die dramatische Energie entsteht allein aus Musik.
Schon die düstere Einleitung zieht das Publikum unmittelbar in eine Welt existentieller Bedrohung. Elias kündigt die göttliche Strafe an: „So wahr der Herr, der Gott Israels lebet, es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen.“ Kein Vorspiel mildert den Eintritt in die Handlung. Mendelssohn beginnt mit einem musikalischen Schockmoment. Die trockene Härte der Harmonien und die scharf gesetzten Choreinsätze erzeugen eine Atmosphäre gespannter Erwartung, die sich durch das gesamte Werk zieht.
Dabei liegt eine der größten Leistungen des Elias in Mendelssohns Verbindung unterschiedlicher musikalischer Traditionen. Das Werk steht hörbar unter dem Eindruck Johann Sebastian Bachs und Georg Friedrich Händels – Komponisten, deren Wiederentdeckung Mendelssohn entscheidend geprägt hatte. Die großen Chorfugen, die monumentalen Turbachöre und die klare architektonische Anlage verweisen auf barocke Vorbilder. Zugleich spricht die musikalische Sprache unverkennbar aus dem 19. Jahrhundert: mit romantischer Harmonik, orchestraler Farbigkeit und einer psychologischen Intensität, die Bach oder Händel fremd gewesen wäre.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies in Mendelssohns Behandlung des Chores. Der Chor übernimmt im Elias ständig wechselnde Rollen: Volk Israels, Baalspriester, Engel, kommentierende Gemeinschaft oder unmittelbarer Ausdruck kollektiver Emotion. Er ist nie bloße Klangmasse, sondern dramatischer Akteur. Wenn die Baalspriester ekstatisch „Baal, erhöre uns!“ rufen, entsteht ein musikalischer Taumel von fast erschreckender Energie. Wenig später verwandelt sich derselbe Chor in einen Klangraum stiller Verheißung.
Überhaupt lebt Elias von extremen Kontrasten. Gewaltige Chorszenen stehen neben Momenten tiefster Intimität. Mendelssohn beherrscht die Kunst des plötzlichen Umschlagens wie kaum ein anderer Komponist seiner Zeit. Nach den dramatischen Höhepunkten des ersten Teils folgt im zweiten Teil zunehmend die Innenseite der Figur Elias: Erschöpfung, Zweifel und Einsamkeit treten in den Vordergrund. Der Prophet, eben noch furchtloser Gottesstreiter, wünscht sich nun den Tod.
Gerade hier erreicht das Werk seine vielleicht größte Tiefe. Denn Mendelssohn interessiert sich letztlich weniger für religiösen Triumph als für die Fragilität des Menschen. Die berühmte Szene am Horeb, in der Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer erscheint, sondern im „stillen, sanften Sausen“, gehört zu den bewegendsten Momenten der gesamten romantischen Oratorienliteratur. Nach aller äußeren Dramatik zieht sich die Musik plötzlich in eine Sphäre äußerster Zartheit zurück. Es ist ein Moment musikalischer Entmaterialisierung – als würde die Zeit selbst stillstehen.
Dass Elias dennoch nie in bloße Innerlichkeit absinkt, liegt an Mendelssohns außergewöhnlichem Gespür für Form. Das Werk besitzt eine monumentale architektonische Geschlossenheit, in der große dramatische Bögen und feinste motivische Verbindungen ineinandergreifen. Immer wieder kehren musikalische Gedanken verwandelt wieder, sodass sich die fast zweistündige Anlage wie ein einziger großer Spannungsbogen entfaltet.
Für heutige Hörerinnen und Hörer liegt die Faszination des Elias vielleicht gerade darin, dass dieses Werk zugleich zutiefst religiös und zutiefst menschlich ist. Man muss den Glauben des 19. Jahrhunderts nicht teilen, um die existentiellen Fragen dieser Musik unmittelbar zu spüren: Wie hält ein Mensch an seiner Überzeugung fest? Was geschieht, wenn Gewissheiten zerbrechen? Wo findet sich Trost?
Mendelssohn beantwortet diese Fragen nicht theoretisch, sondern musikalisch. Und genau deshalb wirkt Elias bis heute so unmittelbar. Dieses Oratorium will nicht illustrieren oder belehren. Es will erschüttern, trösten und überwältigen. Wer sich auf diese Musik einlässt, erlebt nicht bloß ein Meisterwerk der Romantik – sondern ein Drama über den Menschen selbst.
„Ich hatte mir vor allem einen rechten Propheten gedacht, wie wir ihn heutigestags wieder brauchen könnten.“ — Felix Mendelssohn Bartholdy über den Elias
Mitwirkende
Spielort
Bei der St. Johanniskirche 2 · 21335 Lüneburg
Bus-Linien 5012, 5013 bis „Am Sande", 4 Minuten Fußweg
10 Min zu Fuß vom Hauptbahnhof
Parkhaus Stadtmitte - parkhaus-stadtmitte-lueneburg.de Bei der Ratsmühle 17, 21335 Lüneburg
Stellplätze direkt vor der Kirche
Kartenvorverkauf ab August 2026
Die Kirche öffnet 45 Minuten vor Konzertbeginn. Bei späterem Eintreffen ist Einlass nur in den Pausen möglich, um die Künstlerinnen und Künstler nicht zu stören.
St. Johannis verfügt über keine Garderobe. Bitte Jacken und Mäntel am Platz behalten.
Toiletten befinden sich in der Kirche links und rechts neben dem Turm. Sie sind ausgeschildert.
Während des Konzerts sind keine Foto-, Film- oder Tonaufnahmen gestattet – auch nicht mit dem Mobiltelefon. Vielen Dank für Ihre Rücksicht gegenüber Künstlerinnen, Künstlern und Publikum.
Bitte schalten Sie Mobiltelefone aus – auch der Vibrationsalarm stört Aufnahmen. Husten und Räuspern nach Möglichkeit in Pausen oder Satzwechseln. Bonbons bitte vor dem Konzert auswickeln – die Papierfolie ist im stillen Raum hörbar. Applaus erst nach dem letzten Stück, nicht zwischen den Sätzen.
Barrierefreier Zugang über den Seiteneingang Nord am Turm (linke Seite). Kontakt über den Küster.