Georg Friedrich Händel (1685–1759)
Israel in Ägypten
HWV 54
- Besetzung
- Chor, Solisten, Orchester
- Dauer ca.
- 125 Minuten
HWV 54
Georg Friedrich Händel
St. Johanniskirche Lüneburg · Sonntag, 25. Oktober 2026, 18:00 Uhr
Programm
Georg Friedrich Händel (1685–1759)
HWV 54
Zwischen beiden Konzertteilen gibt es eine Pause von 30 Minuten.
Werkeinführung
Unter den großen Oratorien Georg Friedrich Händels nimmt Israel in Egypt eine Sonderstellung ein. Während die meisten seiner Oratorien von einzelnen Heldengestalten leben – von Saul, Samson oder Judas Maccabaeus –, steht hier kein Individuum im Mittelpunkt. Der eigentliche Protagonist ist ein ganzes Volk. Händel erzählt die Geschichte Israels nicht als Biographie eines Helden, sondern als kollektives Drama von Leid, Hoffnung, Befreiung und Dankbarkeit. Gerade dadurch besitzt dieses Werk bis heute eine außergewöhnliche Kraft.
Als das Oratorium 1739 in London erstmals aufgeführt wurde, reagierte das Publikum zunächst mit Zurückhaltung. Händel hatte etwas gewagt, das den Hörgewohnheiten seiner Zeit widersprach: Statt virtuoser Solisten dominieren gewaltige Chöre. Tatsächlich gehört Israel in Egypt zu den chorreichsten Werken der gesamten Musikgeschichte. Der Chor ist hier nicht kommentierende Instanz, sondern handelnde Gemeinschaft, Zeuge der Ereignisse und Ausdruck kollektiver Emotion. Händel erschafft damit eine musikalische Form, die ihrer Zeit weit voraus war.
Die Grundlage bildet die biblische Exodus-Erzählung. Israel lebt in ägyptischer Knechtschaft, wird durch göttliches Eingreifen befreit und zieht schließlich durch das Rote Meer in die Freiheit. Diese Geschichte war bereits für die Zeitgenossen Händels weit mehr als eine religiöse Erzählung. Sie galt als universelles Bild für Unterdrückung und Erlösung, für die Hoffnung auf Gerechtigkeit und die Erfahrung gemeinsamer Befreiung. Bis heute gehört der Exodus zu den wirkmächtigsten Narrativen der Kulturgeschichte.
Musikalisch beeindruckt Israel in Egypt vor allem durch seine außergewöhnliche Bildkraft. Händel gehört zu den größten musikalischen Erzählern aller Zeiten, und selten entfaltet er seine Kunst so eindrucksvoll wie hier. Die berühmten Plagen Ägyptens erscheinen nicht als abstrakte Symbole, sondern werden geradezu hörbar gemacht. Fliegenschwärme, Frösche, Hagel, Finsternis und Wasserfluten verwandeln sich in Klangereignisse von erstaunlicher Anschaulichkeit.
Besonders die Chorpartie „He spake the word“ gehört zu den Meisterstücken barocker Tonmalerei. Die Stimmen scheinen wie Insektenschwärme durch den musikalischen Raum zu sirren, während die Instrumente die Unruhe der Naturgewalten verstärken. Händel verfolgt dabei jedoch kein bloß illustratives Programm. Die Natur wird zum Ausdruck einer gestörten Weltordnung. Die Plagen erscheinen als Zeichen einer kosmischen Krise, die erst durch die Befreiung Israels überwunden werden kann.
Gleichzeitig besitzt das Werk eine architektonische Größe, die weit über einzelne Effekte hinausgeht. Händel denkt in monumentalen Spannungsbögen. Auf Szenen größter Bedrohung folgen Momente des Innehaltens; dramatische Ausbrüche wechseln mit feierlicher Ruhe. Besonders eindrucksvoll gelingt dies im Übergang zur Schilderung des Durchzugs durch das Rote Meer. Hier erreicht die Musik eine epische Weite, die den Hörer unmittelbar in das Geschehen hineinzuziehen scheint.
Im Zentrum des zweiten Teils steht das sogenannte Moseslied aus dem Buch Exodus. Nach der Rettung am Meer verwandelt sich die Musik zunehmend in einen großen Lobgesang. Die dramatischen Konflikte treten zurück und machen einer Musik Platz, die von Dankbarkeit, Staunen und Zuversicht erfüllt ist. Händel gestaltet diesen Wandel nicht abrupt, sondern als sorgfältig aufgebauten Prozess. Aus Angst wird Vertrauen, aus Verzweiflung Hoffnung, aus Klage Jubel.
Gerade in diesen Chören zeigt sich die ganze Meisterschaft des Komponisten. Die kontrapunktische Kunst, die Händel bei seinen Studien italienischer und deutscher Vorbilder erworben hatte, verbindet sich mit einer unmittelbar verständlichen musikalischen Sprache. Selbst komplexeste Fugentechnik wirkt nie gelehrt oder akademisch. Alles dient der Entfaltung einer überwältigenden klanglichen Gemeinschaftserfahrung.
Für heutige Hörerinnen und Hörer liegt die besondere Faszination von Israel in Egypt vielleicht darin, dass dieses Werk individuelle Grenzen überschreitet. Händel erzählt nicht die Geschichte eines einzelnen Menschen, sondern die Geschichte einer Gemeinschaft auf ihrem Weg aus der Bedrängnis in die Freiheit. Dadurch erhält das Oratorium eine universelle Dimension, die weit über seinen biblischen Ursprung hinausweist.
Wenn sich am Ende die Stimmen und Instrumente zu einem machtvollen Lobgesang vereinen, entsteht jener Eindruck von Größe, der Händels Musik seit fast drei Jahrhunderten unverwechselbar macht. Israel in Egypt ist nicht nur ein Meisterwerk barocker Chorkunst. Es ist eine musikalische Feier menschlicher Hoffnung – und eine Erinnerung daran, dass die Sehnsucht nach Freiheit zu den stärksten Kräften der Geschichte gehört.
„Händel ist der unerreichbare Meister aller Chormusik.“ — Robert Schumann
Mitwirkende
Spielort
Bei der St. Johanniskirche 2 · 21335 Lüneburg
Bus-Linien 5012, 5013 bis „Am Sande", 4 Minuten Fußweg
10 Min zu Fuß vom Hauptbahnhof
Parkhaus Stadtmitte - parkhaus-stadtmitte-lueneburg.de Bei der Ratsmühle 17, 21335 Lüneburg
Stellplätze direkt vor der Kirche
Kartenvorverkauf ab September
Die Kirche öffnet 45 Minuten vor Konzertbeginn. Bei späterem Eintreffen ist Einlass nur in den Pausen möglich, um die Künstlerinnen und Künstler nicht zu stören.
St. Johannis verfügt über keine Garderobe. Bitte Jacken und Mäntel am Platz behalten.
Toiletten befinden sich in der Kirche links und rechts neben dem Turm. Sie sind ausgeschildert.
Während des Konzerts sind keine Foto-, Film- oder Tonaufnahmen gestattet – auch nicht mit dem Mobiltelefon. Vielen Dank für Ihre Rücksicht gegenüber Künstlerinnen, Künstlern und Publikum.
Bitte schalten Sie Mobiltelefone aus – auch der Vibrationsalarm stört Aufnahmen. Husten und Räuspern nach Möglichkeit in Pausen oder Satzwechseln. Bonbons bitte vor dem Konzert auswickeln – die Papierfolie ist im stillen Raum hörbar. Applaus erst nach dem letzten Stück, nicht zwischen den Sätzen.
Barrierefreier Zugang über den Seiteneingang Nord am Turm (linke Seite). Kontakt über den Küster.